Tina Ott

Tina Ott

Tina Ott

Am 3.2. 2012 fand die 9. Vorentscheidung für den 19. Haidhauser Werkstattpreis statt.

Es traten sieben Autoren an, von denen sechs für die Teilnahme ausgelost wurden.

Siegerin wurde Tina Ott mit „Maische, Mord und Müll“, einer raffiniert aufgebauten Kriminalgeschichte.

Zweiter wurde Paul Holzreiter mit „Piloten“, einem packenden Text über Hungerhilfe in Äthiopien.

Curry Fiasko schilderte in „Die Zahnfee „eine unerfüllte Liebe zu einer Zahnarzthelferin;

Ebenfalls um ein Verbrechen ging es bei „Die Erbschaft“ von Roland Heinrich.

Susanne Stephan las“ ohne Titel „Surreales über eine Beziehung zu einer Gummipuppe.

Kristian Kühn schloss den Leseabend mit „Die Liebe zum Kleingeld“, einer skurril-ironischen Geschichte über die Ohnmacht des Menschen gegenüber dem Bankgewerbe.

Lebenslauf:

seit 1964 auf der Welt

Berufe:

seit 1986 Schreinergesellin

seit 2008 Busfahrerin

Familienstand:

seit 1987 Mutter

seit 2011 Oma.

Schreiben:

seit ich denken kann.

Die Gelesene Geschichte:

 

Maische, Mord und Müll.von Tina Ott

Die Entscheidung, mich für den Job bei der Mülldeponie zu bewerben, fällte ich, als ich ein größeres Entsorgungsproblem hatte. Die Bedenken, dass es wohl kein geeigneter Frauenjob wäre, konnte ich schnell zerstreuen. Schließlich war ich mit großem Gerät im Baugeschäft meines Vaters aufgewachsen und war kurze Zeit Erdbaumaschinenführerin gewesen. Ich bediente noch das Klischee, dass Frauen die ordentlicheren Wesen sind, und sie nahmen mich. (Dass es bei mir zu Hause zeitweise so aussieht, wie auf dieser Müllkippe, nur ohne kreisende Krähen, braucht ja keiner zu wissen.)Nun konnte ich endlich die Leiche entsorgen. Ich grub sie so tief ein, verdichtete mit dem schwersten Radlader den Müll über ihr so ausgiebig, bis der Mann, der mich an meinem ersten Arbeitstag einführen sollte, stoppte.

„Jetzt hörst auf!“, brüllte er in den Funk, „wir haben schon gesehen, dass´d Radlader fahren kannst, auch wennst bloß eine Frau bist!“ Zum Glück hatte er nichts vom Transfer der Leiche aus dem Kofferraum in die Schaufel gesehen. Er feierte in dem Container mit zwei weiteren tumben Typen seinen letzten Tag auf der Mülldeponie und vor allem seinen Lottogewinn. In den nächsten Tagen lebte ich mich ein und fand in dem zum Büro umgebauten Container genügend Zeit und Ruhe, mich meiner Lieblings- und Nebenbeschäftigung hinzugeben: dem Verköstigen von Trester Weinbränden. Eine ganze Zeit nun schon bekam ich regelmäßig edle, schlanke Flaschen mit Bränden aus den Gewürztraminern Frankens, den Burgundern Badens und Sauvignon aus der Steiermark, um sie zu verkosten und über Geruch und Geschmack zu schreiben. Verkosten heißt zwar nicht trinken, aber ich brachte es nicht über mich, diese teuren, köstlichen Brände auszuspucken oder angebrochene Flaschen einfach stehen zu lassen. Seltsamerweise waren meine Kritiken gefragt, obwohl ich weder einen besonders ausgeprägten Geruchsinn, noch einen sensiblen Gaumen habe. Ich musste mir anderweitig helfen. Ich holte mir Anregungen, wo es wohl keiner vermutete. Zum Beispiel bei der alten Gschwendnerin, einer stolzen Bäuerin. Mit etwas Fantasie beschrieb ich ihren Charakter, ihr Umfeld und ihr zähes Sterben und suchte mir einen einigermaßen passenden Weinbrand dazu aus. Das liest sich dann so:

Dunkler, charaktervoller Brand mit deutlichen Anklängen an Unterholz, Lindenblüten, Heu und Kräutern, satter runder Körper; elegante Bitterkeit im langen Abgang.

Oder ich ließ mich von einem attraktiven Mann inspirieren, den ich im Urlaub beobachtet hatte:

Kraftvoll – komplexer Tresterbrand mit reifen Fruchtnoten und herb – männlichem Körper. Ein vorpreschendes Kraftpaket.

Auf diese Weise hatte ich auch keine Schwierigkeiten, in dem Container, wo sich der Gestank der Abfälle konzentrierte, von samtig-weichem Duft, Herbstwaldaromen oder einer lebendigen Gewürznase zu schreiben. Das was ich schrieb, hatte mit dem was ich schmeckte und roch einfach nichts zu tun. Eigentlich wollte ich nur ein paar Wochen dort arbeiten – so lange bis keiner mehr Fragen stellte. Aber die Arbeit inspirierte mich. Beim Anblick des organischen Abfalls hatte ich fast schon philosophische Gedanken: eine gesunde Seele gleicht einem Komposthaufen, der richtig gepflegt wird. Das Wichtigste ist, dass man den Prozess des Verrottens unterstützt, indem man immer wieder untere Schichten nach oben schaufelt. Meine Seele gleicht eher einer Sondermülldeponie in einem Dritte-Welt-Land. Alles Giftzeug wird auf einen Haufen geworfen, mit irgendwas Harmlosem zugedeckt und ruhen gelassen. Das mag eine Zeit lang gut gehen, aber irgendwann macht es – puff! – dann kommen die zerstörerischen Gase heraus. Wie bei Eva.

Die Frau war so substanzlos und blutleer, dass man sie nicht mal richtig hassen konnte. (Blutleer nur im übertragenen Sinne. Als ich sie erschlug war das eine ziemliche Sauerei!) In Ermangelung eines Charakters war sie immer nur das, was der andere gerade in ihr sehen wollte. Für meinen Sohn Fabian hatte sie zwei Gesichter: er sah in ihr das sexy Luder und das arme verletzte Mädchen in Personalunion. Für meinen Mann war sie ein ideales Model für seine Werbefotografien und später dann, als sie unsere Schwiegertochter geworden war, Viagra auf zwei langen Beinen. Ich war wohl die einzige, die erkannte, was sie wirklich war: eine Frau, so leer wie eine weiße Leinwand, auf die man dann alle möglichen Phantasien projizieren konnte. Für meine Arbeit war sie natürlich überhaupt nicht inspirierend, denn schließlich verköstigte ich kein destilliertes Wasser. Die einzige Eigenschaft, die man ihr nachsagen konnte, war die, andere mit sich zu beschäftigen.

Das hatte sie dann auch bei mir probiert: sie war ausgerechnet zu mir gekommen, um sich auszuheulen, dass Fabian ihr zum wiederholten Male fremdgegangen war und hoffte offenbar auf Frauensolidarität. „’68 war ich fast so alt wie du jetzt, Evilein, und hab mich damals schon von Eifersüchteleien befreit. Mit solchen Problemchen brauchst nicht zu mir kommen!“, erklärte ich ihr. Ist doch wahr! Was hatte sie sich denn von mir erwartet? Ich gab ihr noch die Empfehlung, es doch auch mit einem Seitensprung zu versuchen. Das hätte ich nicht tun sollen: sie griff den Vorschlag auf und setzte ihn sofort in die Tat um: mit meinem Mann. Dann hatte sie es eilig, mir zu erzählen, wie es gewesen war: „Volli ist der Hammer! Sind denn alle Männer in dem Alter so rücksichtsvoll, einfühlsam und …ja wie soll ich sagen… phantasievoll?“ Phantasievoll? Ich dachte an die wöchentliche Leibesertüchtigung für die mich Volker als Turngerät brauchte. Sie wollte wirklich eine Antwort auf diese dämliche Frage?! Ich sagte: „Weiß nicht. Hab’ keine Erfahrung. Volker ist der Älteste. Klar ist er der Hammer. Aber ich bevorzuge jüngere Männer!“

Ja, hätte ich ihr mit der Wahrheit kommen sollen? Dass meine letzte Affäre bereits acht Jahre zurücklag? Dass seit meinem Wechsel meine Libido die Lebhaftigkeit einer Kneipe nach Sperrstunde hat? Das konnte ich nicht sagen und noch viel weniger, dass sie sich in meiner Familie benahm wie in einem Selbstbedienungsladen. Sie hätte sonst womöglich noch geglaubt, mich der Eifersucht überführt zu haben! „Es macht dir doch nix aus, oder?!“ „Nein, mir doch nicht. Ich an deiner Stelle wäre aber Fabian gegenüber vorsichtiger. Er hat einfach dieses spießige Besitzdenken, obwohl wir ihm was anderes vorgelebt haben.“ Sie zog ein süßes Schnütchen und erklärte sich großzügig bereit, Fabian nichts zu sagen und ihn zu schonen, obwohl er es ja überhaupt nicht verdient hätte.

Und sie hielt sich dran, wobei es keinen Unterschied gemacht hätte, denn bei Volkers Geburtstag waren ihre nonverbalen Botschaften so überdeutlich, als würde man den Text in einer Gedankenblase lesen. Ein Trägerchen rutschte über die ach so zarte Schulter, ein versonnen – romantischer Blick streifte die Blumen in der Vase, mädchenhaft scheu begegnete sie den gierigen Blicken Volkers und den Finger, an dem die Reste des Tiramisus klebten, schleckte und saugte sie so lasziv ab, dass ich nur noch zwei Optionen für mich sah: Saufen oder ihr eine reinhauen. Ich beließ es zunächst beim Saufen und hab es bis auf den heutigen Tag nicht mehr aufgehört.

Die wöchentliche Ehebett-Gymnastik entfiel, denn Volker wollte endlich wieder ehrlich leben. Deshalb fing er an alberne bunte Hemden anzuziehen und Motorrad zu fahren, obwohl seine Hand bereits zitterte, wenn er den Schlüssel vom Brett nahm. Es vergingen Wochen in denen Vater und Sohn stritten, jedes dritte Wort Eva, jedes vierte Schlappschwanz, Wochen, in denen kein normales oder interessantes Gespräch mehr möglich war. Ich wurde auf den Zuschauerrang verwiesen und war drauf und dran, eine griesgrämige Alte zu werden.

An dem Abend, als es passierte, hatte ich um Volker zurückzuerobern, Stöckelstiefel und Latex angezogen. Bisher war ich zu stolz für so eine Aufmachung gewesen, aber Stolz hatte ich keinen mehr. Den Mut dazu spendete mir ein Gewürztraminer dessen Verkostungsnotiz ich diesmal im Vorfeld geschrieben hatte; sie gab wieder, was ich nun mit Volker zu erleben hoffte: Die Rassigkeit des Brands paart sich hier mit kräftigen Herbstaromen, sattem, vollem Geschmack mit präsenten Bittertönen im runden, eleganten Schluss.

Was mein Mann brauchte und insgeheim wollte war eine starke Hand und eine klare Ansage. Ich riss die Schlafzimmertür auf und herrschte Volker an: „Aufs Bett!“ Er stand da in Boxershorts und sah mich entgeistert an.

„Ich dulde keinen Widerspruch!“ Ewas rauschte – ich glaubte, es wäre das Blut in meinen Ohren. Volkers Kinnladen klappte nach unten. Jetzt konnte ich nicht mehr zurück: ich stieß ihn um und stellte ihm einen Hacken auf die Brust; das Rauschen hörte auf.

Plötzlich ging die Tür zum Bad auf und Eva stand nackt und nass im Türrahmen, in ihrer ganzen penetranten Jugendlichkeit. Sie brach augenblicklich in Gelächter aus, zuerst ein ungläubiges Prusten, dann Gackern und zuletzt ein Brüllen.   Ich sah ihren Mund, wie er sich bewegte und spürte, wie etwas unendlich Komplexes rasendschnell in mir ablief. Ohne recht zu wissen warum, suchte ich das Zimmer mit meinen Augen ab. Plötzlich kam aus ihrem Mund statt des Lachens nur noch Gurgeln und roter Schaum. Sie lag auf den Fließen, das Genick auf dem Rand der Duschwanne und das Blut, das augenblicklich aus ihrem Hinterkopf schoss, strömte praktischerweise dem Abfluss zu. Ich fand mich neben ihr stehend wieder, mit einer Flasche in der Hand. Ich machte Wiederbelebungsversuche, ehrlich. Aber mit dem strömenden Blut verließ sie auch das Leben.

Volker hat sich von mir getrennt, aber er hat mich nie verraten. War er insgeheim erleichtert, dass ich ihn von Eva befreit habe? Oder war sie so substanzlos gewesen, dass der Schritt von ihrer Existenz zu ihrer Nicht-Existenz nur ein kleiner war? Und Fabian? Hatte er einen Verdacht? Jedenfalls suchte und trauerte er nicht lang. Nun sitze ich Tag für Tag in dem Container am Müllplatz, mit einem Ausblick, der meiner inneren Gestimmtheit entspricht. Ich betrachte manchmal die Sondermülldeponie meiner Seele, nicht genau natürlich, ich picke nichts heraus, einfach nur so, ein flüchtiger Blick und wenn’s genug ist, greife ich zu einem Trester und decke wieder alles zu. Inzwischen lasse ich mich von meinen Erinnerungen an die rasch wechselnden Liebhaber und den Liebesakten meiner Jugend zu meinen Kommentaren inspirieren. Z.B. der Junge aus der WG: Blond, Harmonie zwischen dezenter Bitternote und Süße, vornehm zurückhaltend, dann kraftvoller als erwartet, mit voluminösem Abgang und leicht herbem Nachklang.

Eva tauchte nicht wieder auf.

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Eingeordnet unter Lesungen, Literatur, Literaturpreis, Literaturwettbewerb, München, Offener Abend, Wettbewerb

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