Lena Nützel

Am 2. März 2012 fand der 9. Offenen Abend zur Vorentscheidung für den 19. Haidhauser Werkstattpreis statt. Es war die ultimativ letzte Möglichkeit, sich  für die Teilnahme am Werkstattpreis zu qualifizieren, da dieser am darauf folgenden Abend des 3. März im Gasteig München stattfand. Aus der großen Anzahl der Zettel, auf denen sich die AutorInnen zur Lesung beworben hatten, wurden sechs per Ziehung ausgewählt. Vor voll besetztem Haus stellten dann die AutorInnen ihre Texte vor. Simon Gerhol las „Übernächtigt“, die Geschichte über eine Frau, die alleine über nächtliche Straßen eilt und Verfolgungsfantasien entwickelt. Rudolf  Wicht las „Schallplatte“, eine moderne Valentinade, sowie „Dioxin“, ein Text über den Dioxinskandal. Veith Peter Walter las „Künstler“, eine Geschichte in Anlehnung an den Film „Midnight in Paris“. Ulrich Schäfer stellte „Demolition Derby“ vor, ein schneller Text über Rennautos und Frauen. Sophia Schindler, „Und sie kriegt dich doch“, Geschichte einer Frau, die Liebe sucht und sie doch verflucht. Lena Nützel las „Was der Mensch alles schluckt“, die Geschichte über den Tod ihrer krebskranken Großmutter. Das Publikum wählte Lena Nützel zur Siegerin, knapp gefolgt von Ulrich Schäfer.

 

Lebenslauf

Geboren 23.02.1980 in Erlangen,
lebte die meiste Zeit in München, zwischendurch in Schottland, Irland
und Mazedonien.
Ethnologin,
Übersetzerin, freie Autorin.
2009 wurde mein Sohn geboren.

Beitrag

Was der Mensch alles schluckt

Es schneite und schneite. Eva schnaufte.

Irgendwann würde es aufhören zu schneien, und irgendwann würde sie aufhören zu atmen. Ich wünschte mir, sie könnte es gleich tun, denn, wie mein Großvater trefflich bemerkte:

sterben ist auch nur schön, wenn’s schnell geht. Bei Eva ging es nicht schnell. Es ging auch nicht leicht. Selbst ums Sterben muss man ringen, was für ein Leben. Draußen balgten sich die Kinder bei der Schneeballschlacht, drinnen kämpfte meine Großmutter. Sie kämpfte mit ihren Ängsten, ihren Schmerzen und mit ihrer Wut, die sie nie hat herauslassen können. Sie hätte die Wut durchaus zeigen können, sich es jedoch selbst untersagt. Immer hatte die Frau alles geschluckt, immer tiefer. Ich glaube, dass Krebs dadurch entsteht; ein wenig natürlich auch durch Umweltgifte oder rauchen. Doch im Wesentlichen sind Krebszellen die Wucherungen, die nicht nach außen können. Die wachsen dann drinnen hübsch entartet weiter, genährt durch Gram, Bitterkeit und Enttäuschungen.

 

Ich hielt ihre Hand, streichelte ihre Wange und manchmal erzählte ich etwas von ihrem Urenkel. Sie war schwach, fast nichts an ihrem Körper gehorchte ihr mehr. Weder stehen noch gehen, nicht einmal aufsetzen war möglich. Lesen, schreiben, essen, konnte sie nicht mehr.

Gestern war noch eine gute Welt; gestern konnten wir noch ein bisschen sprechen. Leise und mühsam zwar, aber Eva konnte ausdrücken, was in ihr vorging. Ich hatte ihre Lieblingsgedichte mitgenommen, und auf die Frage, ob ich welche vorlesen sollte, kam ein so inständiges „Ja“  aus ihrem verdörrten Mund, dass alles Drumherum versank: die schale Farbe des Krankenzimmers, der entkeimte Geruch waren verschwunden.

 

Unser Geschmack, was Lyrik betraf, war durchaus verschieden; wir trafen uns bei Erich Kästners „Die 13 Monate“ und vielleicht ein paar Ringelnatz Versen. Ansonsten liebte Eva Mörike und Rilke. Mein Herz hing mehr an Heine und Erich Fried. Ich zeigte ihr das Bild, das der zweijährige Paul für sie gemalt hatte. Sie freute sich sehr.

Eva wollte partout aufstehen. Sie musste auf die Toilette, ich sagte ihr, sie könne nicht mehr gehen, brauche sich aber nicht sorgen, sie hätte ja den Urinbeutel. Einmal verlangte sie noch energisch, aufzustehen, dann kam eine weitere Welle schwerer Müdigkeit über sie, meine Großmutter ließ die Arme sinken, den Kopf nach hinten, und murmelte schwach mit halb geschlossenen Augen: „Was ist das denn hier, nicht einmal auf die Toilette lassen sie einen. Das geht doch in jeder Wirtschaft.“

Dann drehten ihre Augen nach innen weg, und sie schlief einige Minuten.

Geschafft hatte sie es an jenem Vormittag noch lange nicht. Noch viele Krämpfe, viele entstellte Gesichtszüge und schließlich viele Dosen Morphium sollten durch ihren wunden Körper gehen, bis sie sterben konnte. Ob sie sterben wollte? Ich weiß es nicht.

 

Es roch nach desinfiziertem Tod. Tod riecht hier nach Gummihandschuhen, antiseptischen Flüssigkeiten und Linoleumputzmittel. Wir sterben entkeimt, dafür spät und entsetzlich langsam.

Wie sollte er denn riechen? Wie riecht er denn, der ehrliche Tod? Nach Pestbeulen, Auswurf, angefaultem Fleisch? Nach offenen Beinen, verklebten Genitalien? Das wär’ dir dann auch nicht recht, dann würdest du flammende Reden halten, warum man nicht in einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts dafür sorgt, das unnötig Widerliche am Tod angenehmer zu gestalten! Alles Gerede.

Der Tod an sich ist nicht ekelhaft. Es gibt Krankheiten, die ekelhaft sind, und Menschen, die zu Sterbenden ekelhaft sind. Aber der Tod selbst ist nicht widerlich. Er ist auch nicht schön. Er ist einfach, wir enden alle bei ihm, und wenn wir das nicht begreifen solange wir leben, machen wir uns kein schönes Leben.

 

Einmal hatte Eva mir zugeflüstert: „Angst hab ich nicht.“

Das tröstet mich. Und das Wissen, dass ich ihr viele Male gesagt habe, wie froh ich bin, sie zu haben.

Immer wenn ich schwimme, denke ich nun an sie; denn meine Großmutter hat mir das Schwimmen beigebracht.

Nun hatte es aufgehört zu schneien, und sie atmete nicht mehr.

Geduld, mein Herz. Im Kreise geht die Reise.

Und dem Dezember folgt der Januar.

 

 

 

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Eingeordnet unter Kurzgeschichten, Lesungen, Literatur, Literaturpreis, Literaturwettbewerb, München, Offener Abend, Wettbewerb

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